Leben in der Zwischenwelt

Als verwaiste Mama oder verwaister Papa hat man nach dem Sterben seines geliebten Kindes den Tod auf unvermeidbare Art und Weise so nah kennengelernt, wie man ihn nie erleben wollte.

Wenn ich für mich und meine Trauer spreche, dann erkläre ich es oft so, dass ich mich in einer gewissen Zwischenwelt befinde.

Ich lebe mein Leben, ich habe meine Familie, meinen Mann und meine zwei Söhne. Wir gehen zur Arbeit und zur Schule, wir erleben schöne gemeinsame Momente und sind dennoch anders. Denn unsere geliebte Emma ist im Himmel und nicht mehr an unserer Seite. 

Während meinem Alltag mit Job, Haushalt und Familie, um den ich sehr froh bin, verliere ich mich oftmals in Gedanken an den Himmel, an das Jenseits, an das Sterben und den Tod. Ich denke an Emma, wo und wie sie jetzt „lebt“ und ob wir uns denn wirklich wiedersehen, so wie wir es uns wünschen, wenn unser Tag gekommen ist.

Ich muss mich oft erinnern, das Leben zu leben und dennoch ist der Gedanke an den Tod so greifbar. Der Tod macht mir keine Angst. Das Leben aber schon immer wieder. Die Herausforderungen des Lebens zu meistern, die traurigen Erinnerungen mit schönen Erinnerungen zu überlagern und die gemeinsame Zeit zu genießen.

Deshalb sind meine neuesten beiden Tattoos Ausdruck dieser beiden Seiten. Eins auf der bunten Seite mit Emmas Zeichnungen und das andere auf der dunklen, eher düsteren Seite.
Es sind die Sprüche MEMENTO MORI und MEMENTO VIVERE – „Gedenke, dass du sterben musst.“ und „Gedenke zu leben.“

Memento mori – der Satz über dem Friedhofstor in Pfaffenhofen, über den ich im Juli berichtet habe, war Anfang dieser Idee und ich bin stolz, diese zusammen mit dem Tätowierer meines Vertrauens umgesetzt zu haben.

Mein Schmetterling

Heute möchte ich euch etwas über mein Schmetterlings-Tattoo erzählen, das seit einiger Zeit meinen Körper ziert.
In der Metamorphose verwandelt sich der Schmetterling von einer unscheinbaren, am Boden lebenden Raupe in einen strahlenden Schmetterling, der in die Freiheit hinaus schwebt.
Er erlebt einen Neuanfang. Eine große, neue Aufgabe wartet auf ihn. Vorhergesehen, aber dennoch neu und unerfahren schwebt er umher und sieht die Welt mit anderen Augen.
Er spürt eine Befreiung, fliegt in die Freiheit und beginnt, losgelöst von der Erde, ein neues Leben.
All das kann man auf Emma und mich beziehen, all das passt zu unserem Schicksal und meinem neuen Leben ohne meine geliebte Emma.
So symbolisiert das Tattoo für mich auch das Leben vor Emmas Diagnose in Form von Blüten und mein Leben nach ihrem Tod in veränderter Form.
Wusstet ihr schon von diesen Behauptungen über Schmetterlings-Tattoos?
• Frauen, die einen Schmetterling (oft in Kombination mit Blumen) als Tattoo tragen, drücken damit ihre Weiblichkeit und Reife aus.
• In Asien gilt das Erscheinen einen schwarzen Schmetterlings als Ankündigung oder Nachricht über den Tod eines geliebten Menschen.
• In China stehen zwei Falter symbolisch für die Liebe.
• In Japan und Griechenland steht der Schmetterling als Symbol für die Seele eines Menschen nach seinem Tod.
• Das altgriechische Wort für Schmetterling lautete „Psyche“.
Er soll den Verstorbenen sicher auf die andere Seite bringen.

Emma-Kunst

Schönheit liegt in den Augen des Betrachters.
Was der eine als schön, ästhetisch, kunstvoll bezeichnet, findet der andere einfach nur hässlich.
Aber das ist auch gut so. Ich war schon immer anders als die Norm.
Das alte Thema…viele, die mich über Jahre begleiten, wissen das.
Und in gewisser Art und Weise bin ich auch stolz darauf, nicht zur Norm zu gehören.

Es wäre ja langweilig, wenn alle gleich aussehen würden, die Geschmäcker alle gleich wären. Was für MICH wahre „Emma-Kunst“ ist, ist mein nun zu 99 % vollständiger „Emma-Arm“, wie es Pius immer so lieb ausdrückt.

Als Emma krank wurde und wie schon vor ihrer Diagnose unzählige, für mich wunderschöne Bilder zeichnete, habe ich beschlossen, mir ein Selbstporträt von Emma, mit ihrer Unterschrift und einem Regenbogen tätowieren zu lassen. Bei diesem Termin bei Bavaria Tattoo war sie dabei und war soooo stolz, dass eines ihrer Kunstwerke nun auf meinen Arm verewigt war.

Nach Emmas Tod ließ ich mir von Dominik ihren Handabdruck mit einer Liebesbotschaft unter die Haut bringen. Ich wußte, dass dies noch nicht das Ende war. So fand ich heuer im Sommer kurzerhand und zufällig einen Tattookünstler in meiner Nähe, der mir ein Porträt von Emma tätowierte. Holly hat auf wunderschöne Art und Weise mein Mädchen auf meinem Oberarm verewigt.
Das Vorlagen-Foto von Emma wurde im Kindergarten aufgenommen, einige Monate vor der Diagnose. Sie wurde geschminkt, hatte Glitzer auf ihrer Stirn und den Backen – selbst diese Details sind – wenn man das Originalfoto kennt – wunderbar zu erkennen.
Als ich ihm von Emma und unserem Schicksal erzählte, schmiedeten wir gemeinsam Pläne, wie der „Emma-Arm“ weiter ausgebaut werden könnte.
So suchte ich aus Emmas Kunstwerken einige Zeichnungen heraus, die er in zwei weiteren Sitzungen auf meinem rechten Arm tätowierte.

Ich bin stolz, meinen Arm als Leinwand für Emmas Gemälde täglich zu sehen, mich zu erinnern, wie sie gedankenverloren am Tisch oder Boden saß und gezeichnet hat.

Erst beim heraussuchen der Tattoo-Motive fiel mir auf, wie oft sie Erlebnisse, Träume und Wünsche in ihren Zeichnungen verarbeitete.

So ziert mein Arm nun eine Fee, ein Zirkusdirektor, Emma im Auto, eine Sonne, Emma als kleines Mädchen, eine Katze, ein buntes Haus und das Selbstporträt mit dem Regenbogen.

Ich bin stolz wie Bolle und hoffe, Emma freut sich vom Himmel aus, dass ich so immer eine kleine Kunstausstellung von EMMA KARL bei mir trage.