Den Moment geniessen


Ein weiser alter Freund, mit dem ich regelmĂ€ĂŸig Gedanken und GefĂŒhle austausche, hat mich inspiriert. Etwas bewusst geniessen. Nicht an gestern denken, nicht an morgen. Hier und jetzt. Intensiv. Als gĂ€be es kein morgen mehr.
Alle die mich kennen, wissen, dass mir das nicht leicht fÀllt. Die rastlose Marion mit ihren 100 To Dos im Kopf und auf der Liste.
Das ist mein Alltag.
Sonntage hingegen, fernab vom ĂŒblichen Alltag mit Terminen und Co., die sind schwer fĂŒr mich. Es gibt Sonntage, an denen wĂŒnsche ich mir schon morgens, dass sie schnell vorbei sein sollen.
Aber heute war ein besonderer Sonntag.
Bewusst habe ich mir heute nachmittag mit meinem großen Sohn Quirin etwas gegönnt.
Wir haben es uns im CafĂ© bei uns im Dorf gut gehen lassen. Bei einer Tasse Cappuccino und einem StĂŒck Torte habe ich meinen Sohn betrachtet, der genĂŒsslich seinen Kuchen aß. Kinder, auch wenn sie noch so groß und pubertĂ€r sind, können den Moment viel besser genießen als wir Erwachsene. Oder geht es nur mir so?
Aber heute habe ich an die Worte meines weisen Freunds gedacht und es versucht.
Und es ist mir gelungen! Es war wunderschön.
Satt und zufrieden besuchten wir noch Emmas Grab. Beseelt von dem unerwartet schönen Nachmittag gab es noch einen ebenso unerwartet schönen Ratsch mit Bekannten.
Immer wieder betrachtete ich meinem Sohn. Ich spĂŒrte, wie gut es ihm tat, Zeit mit mir alleine zu verbringen.
So wie frĂŒher, als wir noch zu fĂŒnft waren und Sonntag ein typischer Familientag war. So wie in anderen „normalen“ Familien auch.
Als ich am Abend meinem Mann von unserem Nachmittag erzÀhlte, fotografierte er mich heimlich. Nachdenklich war ich in diesem Moment, aber ich finde, man sieht, wie positiv die erlebten Stunden nachwirkten.
In diesem Sinne – auf bewusste Momente!
Marion mit Emma im Herzen

MĂŒnchen. Bogenhausen. Ein Ort der Erinnerung.

Nie wieder in meinem Leben wollte ich dort hin.

Aber das Leben stellt nicht die Frage, ob man das möchte, ob man das ertragen kann.
Keinesfalls. Das Leben macht das, was man zu erledigen hat.
Eine Aufgabe, eine von vielen, schier nicht zu bewÀltigenden Aufgaben, die ich da heute erledigt habe.
Vielleicht war es gut so, vielleicht gehört auch das zur TrauerbewÀltigung. Sich den Tatsachen stellen. Sich den Erinnerungen hingeben.
Ich ging heute den schweren Weg ins Klinikum Bogenhausen, um meine Mama zu besuchen.
Ich ging die Wege, die ich im Juli 2018 mit Emma gegangen bin.
Ich blickte auf die Stellen, an denen ich stundenlang auf eine Nachricht gewartet habe.
Die Nachricht, ob die Biopsie gut verlaufen war, wie es Emma ging, wann ich sie wieder sehen dĂŒrfte.
1549 Tage nachdem ich zuletzt das Krankenhaus in MĂŒnchen Bogenhausen betreten hatte, war ich wieder dort.
Am Ort der Erinnerungen.
Station 12. Onkologie. Da lag meine Mama. Zwar in einem anderen FlĂŒgel wie Emma im Sommer 2018, aber ich stand wie versteinert vor der TĂŒre, durch die ich auch mit Emma gegangen bin. Ging durch die Flure, durch die ich getigert bin, als ich warten musste.
Nach dem Besuch bei meiner Mama zog es mich förmlich nach draußen.
Kurz vor dem Verlassen der Station zögerte ich. Ich ĂŒberlegte, ob ich zu dem Zimmer gehen sollte, in dem ich mit Emma eine Nacht verbrachte. Aber ich ging zurĂŒck, zum Treppenhaus und zum Ausgang. Durchatmen. Raus. Einfach nur raus.
Irgendwas stoppte mich, auch diese Erinnerung einzufordern.
Vielleicht war es besser so, vielleicht nahm mich Emma an der Hand und sagte
„Mama, komm, jetzt ists gut, wir gehen wieder nach Hause.“

Ida

Darf ich vorstellen?
Das ist Ida, eine wunderschöne Maine-Coon-Katze, die seit 18. September Teil unserer Familie ist.

Wenn ich mich an einem anstrengenden Tag mit ihr hinsetze, sie streichle und ihrem sanften Schnurren lausche, dann tauche ich ein in eine kleine Traumwelt. Weit weg sind in diesem Moment die Sorgen, die Ängste und vor allen Dingen all die Dinge, die ich noch zu erledigen habe.

Ihr Fell ist nicht nur wunderbar weich, es hat eine rote FĂ€rbung, so dass mich die Farbe immer an meine Emma erinnert.
Meine Emma mit ihren so schönen roten Haaren

Sie begleitet mich auf Schritt und Tritt, liebt es zu essen und schlÀft nachts bei mir im Bett.
Es fĂŒhlt sich gut an. Wer weiß, vielleicht hat sie mir der Himmel geschickt?

Meine Emma, mein MausebÀr,

heute vor drei Jahren bist du fĂŒr immer eingeschlafen und wachst seitdem als Engel im Himmel ĂŒber unsere Familie.
Ablenken wollte ich mich heute, aber es ist mir nicht gelungen. Immer wieder kreisten die Gedanken um die Stunden vor drei Jahren.
Du weißt, wie schwer es mir fĂ€llt, Fotos und Videos von dir anzusehen.
Auch die Erinnerungen an die Zeit vor drei Jahren versuche ich zu verdrÀngen.
Weil es mich so traurig macht.
Papa und ich sind vormittags los gefahren, um Luftballons fĂŒr dein Grab und als Himmelsgruß zu holen.
Ich fĂŒhlte mich so leer und einsam, so tieftraurig.
Dann sah ich bei Facebook das Video von Doris, das sie fĂŒr heute gezaubert hatte.
Als die Stimme von Patricia einsetzte und sie fĂŒr uns beide das Lied „Still“ von Jupiter Jones sang, war es um mich geschehen.
Innerhalb der kompletten vier Minuten des Videos, beim Betrachten jedes einzelnen Fotos erschienen blitzartig die Erinnerungen dieser Momente in meinem Kopf.
Genau das habe ich gebraucht! Es tat so gut und der Tag nahm eine Wendung.
Ich lĂ€chelte, ein wohlig warmes GefĂŒhl umgab mich. Ein GefĂŒhl voller Stolz und Dankbarkeit.
Ab diesem Zeitpunkt weinte ich nicht mehr, sondern lĂ€chelte selig und tat all das, was du gern mochtest – ich aß SĂŒĂŸigkeiten und schaute Fotos und Videos an. Papa lackierte mir die NĂ€gel – mit deinem mintfarbenen Nagellack, den du so sehr gemocht hast.
Ich hoffe, die Luftballons in rosa und pink haben dich erreicht. Leider hat der Himmel geweint, als wir an deinem Grab waren. Aber wir hatten einen ganz besonderen Emma-Hasen dabei, der heute den Tag mit uns verbringt und ein StĂŒckchen Emma mit auf seine Reise nimmt, die bald ansteht.
Aber warum erzĂ€hle ich dir das alles? Du bist doch immer bei mir, oder? Das sanfte Streicheln ĂŒber meine Wange oder meinen Kopf, das bist doch du!
Bitte begleite uns heute Abend, zum ersten Elternabend in der Schule von Pius. Denn auch dieser Weg fĂ€llt mir so schwer, du weißt warum – auch du wĂ€rst in diese Schule gekommen. Aber mit dir an meiner Seite schaffe ich auch das!
Mein unsichtbarer Engel, wenn ich dich doch nur sehen könnte

Ich liebe dich – fĂŒr immer und ewig. FĂŒr Emma und ewig!
Deine Mama

Mut

Wir waren sowas von mutig, als wir Anfang Oktober 2018 alleine in der Stadt unterwegs waren.

Denn seit der Diagnose waren wir meist im sicheren Zuhause, wenn wir nicht in der Klinik waren.

Ich erinnere mich noch gut an die Stunden, in denen Emma und ich in der Stadt waren und unsere kleine Auszeit genossen haben. Es war kĂŒhl und wir beschlossen, in einem CafĂ© Pause zu machen. Einen Blaubeer-Macaron hatte sich Emma ausgesucht, der stilvoll auf einem kleinen Schieferteller serviert wurde.
VerdrĂ€ngt habe ich in diesem Moment, wie in so vielen, dass unsere Zeit begrenzt ist und diese gemeinsamen Erlebnisse irgendwann in meiner Erinnerung verblassen wĂŒrden.

Manche Erinnerungen kann ich beim Betrachten von Bildern hervorrufen, bei anderen fÀllt es mir unglaublich schwer.
Schwer wie Blei, so fĂŒhlt sich mein Leben manchmal an.
GelÀhmt, voran zu kommen. Aber ich versuche immer wieder, mutig zu sein und Neues anzugehen.
In den letzten Wochen ist Musik wieder verstĂ€rkt mein Wegbegleiter. Musik kann Traurigkeit verstĂ€rken, ablenken oder sich erinnern lassen – an diese gewissen Momente, die fĂŒr immer im Herzen bleiben.
Heute habe ich versucht, mich abzulenken, wĂ€hrend ich arbeiten war. Aber immer wieder kamen die Gedanken auf, an den Tag vor drei Jahren. An die Tage und Stunden zuvor. Denn auch wenn ich immer wieder vom Alltag abgelenkt war, so umgibt mich seit Tagen ein GefĂŒhl, das ich fĂŒr immer und ewig in mir tragen werde.
„So still, dass jeder von uns wusste, das hier ist fĂŒr immer
FĂŒr immer und ein Leben und es war so still
Dass jeder von uns ahnte, hierfĂŒr gibtâ€Čs kein Wort
Das jemals das GefĂŒhl beschreiben kann
So still, dass alle Uhren schwiegen
Ja, die Zeit kam zum Erliegen
So still und so verloren gingst du fort
So still und so verloren gingst du fort


So laut die Stunden nach dem Aufschlag, als es galt
Das alles zu erfassen und verstehen und es war so laut
Dass alles, was wir dachten, nichts als Leere zu uns brachte
So laut und so verloren war es hier
Als Stille bei uns wohnte, anstatt dir“
Den Song „Still“ von JUPITER JONES hatte ich schon lange vor Emmas Diagnose in meiner Playlist. Wer konnte ahnen, dass er irgendwann genau das ausdrĂŒcken wĂŒrde, was ich fĂŒhlen werde
.?
Meine GefĂŒhle fahren Achterbahn an diesem besonders schweren Tag.
Tiefe Traurigkeit und die Erinnerung an die Zeit vor drei Jahren wechseln sich ab mit Stolz und Dankbarkeit. Stolz auf mein MĂ€dchen. Dankbar, Emmas Mama sein zu dĂŒrfen. Dankbar, dass ich sieben Jahre an ihrer Seite sein durfte. Dankbar fĂŒr all das, was sie mir mitgegeben hat in ihrem kurzen Leben.
Aber auch dankbar fĂŒr all die lieben Wegbegleiter, die an meiner Seite sind. Die helfen, dass Emma unvergessen bleibt und die ganz genau wissen, was mir gut tut. Die mir an so schweren Tagen wie heute ein LĂ€cheln ins Gesicht zaubern


Hopfen 2022

Es ist inzwischen Tradition – wenn die Hopfenernte in der Hallertau beginnt, bekommt auch Emma ein klein wenig vom jĂ€hrlichen Hopfen ab.

Emmas großer Bruder Quirin hat ihr gestern ein kleines StrĂ€usschen ans Grab gelegt. Besonders gerĂŒhrt hat es mich, weil ich ihn nicht darum gebeten habe.
An dieser Stelle (Quirin, ich weiß, es ist dir wichtig) – vielen lieben Dank dafĂŒr!
Leider ist es in letzter Zeit ruhig geworden auf Emmas Seite, was mir unsagbar leid tut.
Krankheit und leider auch eine neue Krebsdiagnose in der Familie rĂŒtteln mein Leben zur Zeit mĂ€chtig durcheinander.
Ich bin auf der Suche nach einem Neuanfang, in so vielen Bereichen.
Beruflich und persönlich – ĂŒberall herrscht Handlungsbedarf.
Und dennoch fĂŒhle ich mich oft gelĂ€hmt; weiß nicht, in welche Richtung in mich bewegen soll.
Soll ich das tun, was mein Herz sagt? Oder doch dem Verstand vertrauen?
All das beschÀftigt mich sehr.
Aber alles wird so kommen, wie es sein soll. Ich muss nur Geduld haben. Das ist aber im ĂŒbrigen nicht meine StĂ€rke

Seit gestern ist das Thema Kinderkrebs und DIPG noch prÀsenter in meinen Gedanken als an jedem anderen Tag, an dem ich Emma so sehr vermisse.
Denn der September ist Bewusstseinsmonat fĂŒr Kinderkrebs. All die Fakten und Bilder von verstorbenen Kindern, die ich tagtĂ€glich in meinem Feed sehe, zeigen mir ganz deutlich die harte RealitĂ€t. All das, was vor dem Sommer 2018 fĂŒr mich so weit weg, so unbekannt war.
Trotz alledem fĂŒhlt es sich so richtig an, in Emmas VermĂ€chtnis etwas zu tun! Denn still sitzen und nichts tun, das ist nicht meine Art.
In diesem Sinne – helft mit, schafft mit uns zusammen
Bewusstsein fĂŒr Kinderkrebs.

?
GO GOLD IN SEPTEMBER ?
Bis bald, ihr Lieben.
Marion mit Emma im Herzen

Im Himmel gibt’s Lachs

Heute melde ich mich mit einer persönlichen ErzÀhlung, die mich unheimlich dankbar macht.

Denn vergangenen Donnerstag war ich in Emmas VermÀchtnis unterwegs.

Bereits vor einigen Wochen bin ich bei Instagram auf „Frollein Tod“ gestossen.
Ich war von Beginn an fasziniert, von Judith Brauneis und ihrer Berufung als LeichenprĂ€paratorin in einem MĂŒnchner Klinikum.
Ich sah, dass sie ein Buch geschrieben hat – „Im Himmel gibt’s Lachs“.
Interessiert folgte ich ihr und ihren BeitrÀgen.
Dann erreichte mich eine persönliche Einladung zu genau dieser Lesung, bei Baumann Bestattungen in Seysdorf bei Au in der Hallertau.

An den Ort, den wir im Herbst 2019 so oft besucht hatten, denn Ingrid Baumann und ihre MitarbeiterInnen haben uns nach Emmas Tod begleitet und stehen uns noch heute sehr nah.
Daher war es selbstverstÀndlich, dass wir, mein Mann, meine SchwÀgerin und ich, zu der Lesung fahren werden.
Ingrid Baumann hatte eine wundervolle Idee, die ich kurz vor der Veranstaltung mit ihr besprach.

Alle, die Emmas Seite folgen, unser Schicksal und unsere Geschichte kennen, wissen, wie offen ich mit den Themen, die mich beschÀftigen, umgehe.
Auch das Sterben und der Tod sind fĂŒr mich nicht befremdlich, auch wenn ich ungewollt so plötzlich an das Thema herangefĂŒhrt wurde.
Ab Emmas Diagnose am 13. Juli 2018 musste ich mich mehr oder weniger damit auseinandersetzen und sehe es dennoch als wundervolle Erfahrung, die mir persönlich die Angst vor dem Sterben und dem Tod genommen hat.
Vorgestern war es dann soweit.
Als wir in den Innenhof von Baumann Bestattungen liefen, sah ich es sofort – das Foto meiner wundervollen Tochter Emma, auf dem sie mit ihrem PlĂŒschhasen in die Kamera lĂ€chelte. Auf einem Poster, den Flyern und Spendenboxen war sie zu sehen – meine Emma!
In ihrer Eingangsrede, in der Ingrid Baumann die zahlreichen GĂ€ste begrĂŒĂŸte, erzĂ€hlte sie von ihrer Zusammenarbeit mit Judith Brauneis und ihrem Buch – und von Emma. Mit TrĂ€nen in den Augen folgte ich ihren Worten, als sie berichtete, wie sie Emma, meinen Mann und mich begleiten durfte.
Da die leckere umfangreiche Verköstigung wĂ€hrend der Lesung kostenlos war, bat Ingrid Baumann um Spenden fĂŒr unseren Verein. Sie klĂ€rte kurz ĂŒber Ein Hase fĂŒr Emma, Emmas VermĂ€chtnis e. V. und unserer Aufgabe, die Forschung und betroffene Familien zu unterstĂŒtzen, auf.
Inmitten all der Menschen, die interessiert Judith Brauneis ErzÀhlungen und Textpassagen aus dem Buch folgten, sass ich da und schwelgte in Erinnerungen. In traurigen, aber auch schönen Erinnerungen und Emma war ganz nah dabei.
Das Buch von Frollein Tod, das sie mit einer persönlichen Widmung versehen hat, liegt noch ungelesen hier.
Denn ein bißchen aufgewĂŒhlt bin ich zugegebenermaßen schon, von all dem, was mich seither noch mehr beschĂ€ftigt als vorher.
Ich danke Frollein Tod und Ingrid Baumann fĂŒr den wundervollen Abend.
Allen Spendern danke ich von Herzen fĂŒr die UnterstĂŒtzung unseres Vereins Emmas VermĂ€chtnis e. V.

Herzlichst
eure Marion
PS: Unsere Botschafterin Frida war auch dabei! Lest gerne in ihrem Beitrag, wie sie den Abend empfunden hat. Diesen findet ihr in der Facebook-Gruppe „Ein Emma-Hase auf Reisen“.

Emmas 10. Geburtstag

Meine Maus, mein HimmelsmÀdchen, mein Geburtstagskind, meine Emma!
Heute ist dein Geburtstag, dein 10. Geburtstag und 3. Geburtstag im Himmel. Drei Geburtstage, die wir schon ohne dich feiern mĂŒssen und es fĂŒhlt sich immer noch so unrealistisch an.
Denn das Wichtigste an diesem Tag fehlt, DU FEHLST!
Seit Wochen mache ich mir Gedanken um den heutigen Tag. Meine AnsprĂŒche an mich selbst nicht erfĂŒllen zu können, fressen mich förmlich auf. Wie kann man den Geburtstag auch gebĂŒhrend gestalten und feiern, wenn DU fehlst?
Ich versuche, hier auf Erden den Tag so zu gestalten, wie er dir gerecht wird. Mit lieben Menschen, mit Geschenken, mit tiefen Gedanken und mit Luftballon-GrĂŒĂŸen zu dir in den Himmel.
Ich hoffe so sehr, dass all deine Engelsfreundinnen und -freunde heute ordentlich mit dir feiern – DICH FEIERN! So wie du es gerne magst, mit leckerem Obst, bunt verzierten Muffins, einem Kuchen mit Kerzen drauf und glitzernder Dekoration. Mit Liedern, mit Tanzen und mit ganz viel Lachen. Das wĂŒnsche ich mir fĂŒr dich.
FĂŒr mich wĂŒnsche ich mir auch etwas – vielleicht hilfst du mir dabei?
Ich wĂŒnsche mir, dass ich wieder Kraft finde, Dinge zu erledigen, die mir wichtig sind. Kraft zu finden fĂŒr mich selbst. Dass das Funktionieren im Alltag nicht mehr belastend ist, sondern „okay“. Dass ich Fotos von dir ansehen kann, ohne zu weinen, sondern mit einem LĂ€cheln auf den Lippen und schönen Gedanken an unsere gemeinsame, wenn auch viel zu kurze Zeit.
Dass die Gedanken um deine Krankheit und deine letzten schweren Monate ĂŒberstrahlt werden von all den wundervollen Momenten und Jahren, die wir zusammen sein durften.
Ich wĂŒnsche mir viel zu oft, dass ich bei dir sein könnte. Dabei habe ich hier auf Erden noch viele Aufgaben zu erfĂŒllen, das weiß ich. Aber es fĂ€llt mir so schwer, meine liebe Emma. All die unerledigten Dinge, die auch dich betreffen, belasten mich einfach so sehr und ich frage mich, wann ich es endlich schaffe, dies zu tun!
Ich muss lernen, dass die richtige Zeit kommen muss, um diese schweren Aufgaben anzugehen. Dass momentan einfach nicht der richtige Zeitpunkt ist. Ich muss lernen, mich nicht immer ĂŒber Dinge zu Ă€rgern, die ich nicht Ă€ndern kann. Ich muss lernen, nicht enttĂ€uscht zu sein, wenn andere nicht das tun, was ich erwarte. Ich darf keine Erwartungen haben. Denn alles hat seinen Sinn.
Vergangenes Wochenende dachte ich ganz intensiv ĂŒber deinen letzten Geburtstag hier auf Erden nach. Denn ich war mit Quirin bei McDonalds, wo du deinen 7. Geburtstag mit deinen Freundinnen feiern wolltest. Es war so heiss an diesem Tag, dir ging es nicht gut, du warst erschöpft und mĂŒde – aber trotzdem haben wir es gemeinsam geschafft, dass du deine Freundinnen nochmal um dich versammeln konntest. Wir haben den Moment auf einem Foto festgehalten.
Ich muss das Foto in meinem Telefon nicht suchen, ich sehe es vor meinem inneren Auge, wie erschöpft du auf diesem Bild warst, aber wir haben es zusammen geschafft, diesen letzten Geburtstag so zu feiern, wie du es dir gewĂŒnscht hast. Es gab keine Klimaanlage bei McDonalds (gibt es ĂŒbrigens bis heute nicht – wollte ich nicht mit den Leuten dort schimpfen, weil es fĂŒr dich so anstrengend war?!) und wir waren alle fix und fertig, du am allermeisten. Aber du wusstest ganz genau, dass dies dein letzter Geburtstag bei uns sein wird und deshalb war es dir so wichtig. Alles hat seinen Sinn. Alles hat einen Grund. Das wird mir immer wieder bewusst und ich muss akzeptieren, dass es auch einen Grund hat, warum du so frĂŒh gehen musstest. Warum ich hier noch viele Jahre ĂŒberstehen muss, bevor wir uns wiedersehen.
Weißt du, was ich mir wĂŒnschen wĂŒrde? WofĂŒr ich alles aufgeben wĂŒrde, was mir lieb und teuer ist? Ein Besuch bei dir im Himmel. Ich wĂŒrde mir eine Leiter wĂŒnschen, zu dir in den Himmel, um dich – wenn auch nur kurz – zu drĂŒcken und zu kĂŒssen und in dein liebliches Angesicht zu blicken. Dir ĂŒber deine zarten Wangen streicheln, deine roten glĂ€nzenden Haare zu berĂŒhren, deine Stimme zu hören – und ein „Ich liebe Dich, Mami“. ‹Ich weiß, das ist nicht möglich. Aber vielleicht besuchst du mich bald mal wieder im Traum und erzĂ€hlst mir, wie ihr Engel deinen Geburtstag gestaltet habt?
Das wÀre schön.
Emma, ich liebe dich so sehr, ich liebe dich bis zum Himmel und zurĂŒck.
Mein MausebÀr, mein Herz ist gebrochen und heute blutet es ganz stark.
Bitte hilf mir, es ein klein wenig zu heilen – du hast doch sicher noch Hello Kitty oder Frozen Pflaster bei dir? Oder soll ich mal das Zauberspray suchen, das wir immer benutzt haben, als wir im Krankenhaus waren? Das ist eine Idee. Ich mach mich mal auf die Suche.
Ich wĂŒnsche dir einen zauberhaften Geburtstag, mein Engel. Schick uns ein Zeichen, um zu zeigen, dass du unsere Gedanken und unsere Liebe empfangen kannst.
In ewiger Liebe,
Deine Mama

Geburtstagsvorbereitungen und AbwÀrtsspiralen

„FrĂŒher“ hĂ€tte ich zu diesem Zeitpunkt, 3 Tage vor Emmas Geburtstag, schon alles geplant und vorbereitet gehabt.
Seit Wochen hĂ€tten wir schon gerechnet – „wie oft noch schlafen?“ und voller Vorfreude den 21. Juni erwartet.
Die Geburtstagsparty wĂ€re geplant gewesen, die GĂ€ste eingeladen, die Geschenke gekauft und eingepackt, Kuchenrezepte herausgesucht, Dekoration besorgt. NatĂŒrlich alles in einem bestimmten Motto oder in ausgewĂ€hlten Farben.
Und heute
..im Jahr 2022, kurz vor Emmas 10. Geburtstag? Nichts davon.
Ich muss diesen besonderen Geburtstag alleine planen, ohne das Geburtstagskind an meiner Seite, das sich voller kindlicher GlĂŒckseligkeit auf ihren großen Tag freut!
Seit Tagen wĂŒhlt mich die innere Unruhe mehr und mehr auf. Ich MUSS nun endlich Emmas 10. Geburtstag planen. Ich möchte dies so sehr und dennoch bin ich kraftlos, etwas zu tun. Permanent verliere ich mich in Gedanken um die Geburtstagsvorbereitungen und dennoch bin ich gelĂ€hmt, einen klaren Gedanken zu fassen.
Alles dreht sich mehr und mehr darum, was Emma inzwischen gefallen wĂŒrde. Ich stecke fest in den WĂŒnschen und Interessen meiner siebenjĂ€hrigen Emma.
An Emmas letzten Geburtstag hier auf Erden, da wusste ich ganz genau, was sie sich wĂŒnscht, was sie interessiert, woran sie Freude hat. Was gerade so angesagt ist bei den MĂ€dchen.
Aber drei Jahre spÀter bin ich alleine und habe keinerlei Ahnung.
Den letzten Geburtstag, den wir unbeschwert zusammen geplant haben, das war Emmas 6. Geburtstag im Jahr 2018, kurz vor ihrer Diagnose. Vor vier Jahren
es fĂŒhlt sich wie eine Ewigkeit an, wie in einem anderen Leben.
Seit Wochen oder gar Monaten passiert etwas mit mir, es verĂ€ndert sich etwas. Ich bin langsam, aber sicher in eine ganz tiefe Trauerphase geglitten und der Strudel hat mich mehr und mehr nach unten gezogen. Gerade fĂŒhle ich mich am Ende angekommen – aber wir wissen alle „schlimmer geht immer“.
Es sind viele Dinge passiert in den letzten Monaten und Wochen, viele einschneidende Erlebnisse und Ereignisse, die all das verstÀrkt oder auch hervorgerufen haben.
Irgendwann kann ich vielleicht auf einzelne „Themen“ eingehen und euch davon erzĂ€hlen. Jetzt kann ich nur sagen, dass es mich, trotz der schrittweisen Entwicklung, vor einigen Tagen so hart getroffen hat, wie ich es nie erwartet hĂ€tte.
Trauer hat viele Gesichter! Oh ja! Ich wollte all diese Gesichter nie kennenlernen und trotzdem kann ich mich dessen nicht entziehen. Sie kommt geballt, unvorbereitet und plötzlich macht es BUMM und trifft einen so sehr. Auch wenn man sich gefĂŒhlt schon lange in der AbwĂ€rtsspirale befunden hat.
Das ist auch der Grund, warum ich mich lange Zeit zurĂŒck gezogen habe. All die Menschen, die das hier lesen, werden nun auch verstehen können, warum ich mich nicht gemeldet habe, warum ich nicht erreichbar bin oder warum ich seit Wochen oder Monaten eine WhatsApp Nachricht nicht gelesen habe.
Ich dachte immer, ich sei stark. Wie oft habe ich gehört, wie stark ich sei.‹Vielleicht bin ich das.
Aber seit einiger Zeit bin ich alles andere als stark. Und das ist okay so. Ich war lang genug stark. Gerade geht es nicht.
Und ich hoffe sehr, es kommt wieder anders.
Auf bald,
liebe GrĂŒĂŸe
Marion mit Emma im Herzen

Mein Schmetterling

Heute möchte ich euch etwas ĂŒber mein Schmetterlings-Tattoo erzĂ€hlen, das seit einiger Zeit meinen Körper ziert.
In der Metamorphose verwandelt sich der Schmetterling von einer unscheinbaren, am Boden lebenden Raupe in einen strahlenden Schmetterling, der in die Freiheit hinaus schwebt.
Er erlebt einen Neuanfang. Eine große, neue Aufgabe wartet auf ihn. Vorhergesehen, aber dennoch neu und unerfahren schwebt er umher und sieht die Welt mit anderen Augen.
Er spĂŒrt eine Befreiung, fliegt in die Freiheit und beginnt, losgelöst von der Erde, ein neues Leben.
All das kann man auf Emma und mich beziehen, all das passt zu unserem Schicksal und meinem neuen Leben ohne meine geliebte Emma.
So symbolisiert das Tattoo fĂŒr mich auch das Leben vor Emmas Diagnose in Form von BlĂŒten und mein Leben nach ihrem Tod in verĂ€nderter Form.
Wusstet ihr schon von diesen Behauptungen ĂŒber Schmetterlings-Tattoos?
‱ Frauen, die einen Schmetterling (oft in Kombination mit Blumen) als Tattoo tragen, drĂŒcken damit ihre Weiblichkeit und Reife aus.
‱ In Asien gilt das Erscheinen einen schwarzen Schmetterlings als AnkĂŒndigung oder Nachricht ĂŒber den Tod eines geliebten Menschen.
‱ In China stehen zwei Falter symbolisch fĂŒr die Liebe.
‱ In Japan und Griechenland steht der Schmetterling als Symbol fĂŒr die Seele eines Menschen nach seinem Tod.
‱ Das altgriechische Wort fĂŒr Schmetterling lautete „Psyche“.‹Er soll den Verstorbenen sicher auf die andere Seite bringen.